Heatmaps lügen nicht

Bis vor wenigen Tagen stand zu befürchten, dass bis Mitte Oktober keine weitere Bezirksumrundung stattfinden würde – einerseits aus Zeitgründen, andererseits weil sich meine körperlichen Probleme (Knie! Leisten!!!) in den letzten Tagen eher verschlechterten als verbesserten. Letzte Woche verbrachte ich aufgrund einer Konferenz viele Stunden sitzend, auf unbequemen Stühlen, was für meinen Rücken einigermaßen katastrophal war und offenbar in mein linkes Knie und die rechte Hüfte ausstrahlte. Gestern ging es mir dann aber plötzlich besser und ich fasste den relativ spontanen Entschluss, mir den Wecker für 4 Uhr zu stellen und mit dem Auto an die Grenze von Penzing zu fahren, um mich der Umrundung dieses recht hügeligen Bezirks zu stellen. Mir war auch völlig klar, dass es dieses Mal bei einem Versuch bleiben könnte, weil sich eben doch recht bald möglicherweise eine meiner Problemstellen melden würde. No risk, no fun…oder so.

Wie im Laufe der letzten Jahre erfolgreich einstudiert, wurde auch heute der Wecker nicht sofort ernstgenommen und nach einer äußerst kurzen Nacht mit nur 3 bis 4 Stunden Schlaf zunächst ungefähr 20 Minuten weitergeschlummert. Das war potentiell problematisch, weil ich hinten raus nicht endlos Zeit hatte und früh genug daheim sein musste. Auch deswegen habe ich um 4:23 Uhr mit mir gerungen, ob ich es nicht doch lieber bleibenlassen soll, im Endeffekt aber – offenkundig – das warme Bett verlassen und beschlossen, dass ich mich noch im Zeitrahmen befinden würde. Ein kleines Frühstück mit Kaffee und Milchbrötle bereitete ich noch für die Autofahrt vor und nach einem letzten Equipment- und Verpflegungscheck ging es los. Kurz vor 6 erreichte ich meine alte Heimat – die Max-Reinhardtgasse – wo ich aus Sentimentalitätsgründen parken wollte und um kurz nach 6 war ich (nachdem ich alle notwendigen Gegenstände in meiner Laufweste verstaut hatte) bei ziemlich angenehmen Bedingungen – 18 Grad, ein bissl windig, für ein paar Minuten hat es geregnet – startklar.

Die gute alte Max-Reinhardtgasse…

Eingestiegen in die Umrundung bin ich beim Auer-Welsbach-Park an der Ecke Schlossallee / Mariahilferstraße. Entlang der Grenze zu Rudolfsheim-Fünfhaus ging es stetig ansteigend vorbei am Technischen Museum, dann rauf zur Hütteldorferstraße und weiter über die Schanzgasse zur Kendlerstraße. Ab hier lief ich dann an der Grenze zu Ottakring zum Flötzersteig und vorbei an den Steinhofgründen. Nach der Johann-Staud-Straße und der Loiblstraße erhaschte ich den einen oder anderen Blick zwischen den Häusern des Kleingartenvereins Satzberg hindurch auf den Sonnenaufgang über Wien, dem ich aber nicht so viel Beachtung schenkte, weil ich mit der mittlerweile ordentlich steilen Straße einigermaßen zu kämpfen hatte. Mit dem Erreichen des Ottakringer Waldes musste/durfte ich erstmals auf dieser Runde die Zivilisation verlassen. Und an dieser Stelle hat sich mein Verschlafen durchaus positiv ausgewirkt – wäre ich pünktlich aufgestanden, hätte ich nämlich bei Dunkelheit den steilen Weg bergab durch den Wald schaffen müssen und ich bin mir im Nachhinein nicht so sicher, ob das gut funktioniert hätte. Es war auch so, bei guter Sicht, schwer genug, nicht auszurutschen, nicht zu stolpern, irgendwie Halt zu finden und einen Weg durch das mehrfach im Weg stehende Dickicht zu finden. Unten steuerte ich dann den von der Hernals-Umrundung bekannten Trinkbrunnen am Spielplatz im Ulmenpark an und legte die erste Trink- und Gelpause ein.

Start beim Auer-Welsbach-Park, Morgendämmerung neben den Steinhofgründen und Sonnenaufgang am Satzberg.

Danach ging es wieder die Amundsenstraße rauf, dieses Mal aber nicht entlang der Straße, sondern leicht versetzt auf einem Wander- bzw. Mountainbikeweg – den hätte ich auch schon vor drei Wochen der Straße vorziehen sollen, war 100 Mal entspannter und angenehmer zu laufen, auch wenn der Untergrund teilweise ein wenig uneben und deswegen eine gewisse Vorsicht notwendig war.

Zwei Mal Wald, links der Ottakringer Wald, rechts der Weg parallel zur Amundsenstraße.

Wiederum ging es kurz vor dem Hanslteich entlang des Als- oder Dornbaches (ich weiß immer noch nicht, wie dieses Rinnsal hier korrekterweise zu nennen ist) westwärts weiter. Im Gegensatz zur Hernalsumrundung lief ich dann aber nicht rauf zum Exelberg, sondern weiter an der Stadtgrenze in Richtung Westen. Dieser Abschnitt war durchaus spaßig, zuerst ging es bergauf, dann schlängelte ich mich über Wanderwege und Singletrails runter zur Rieglerhütte. So, und nun folgte die erste von drei Episoden, die mich zum Titel dieses Eintrags inspirierten. Nach der Rieglerhütte verläuft die Grenze nämlich entlang des Halterbaches bis rauf zur Tullner Straße. Ich habe ja immer wieder mal erwähnt, dass ich meine Routenplanung via Strava mache und aus welchem Grund auch immer war ich an dieser Stelle so hirnverbrannt, dass ich mir eine manuelle Route durch die den Bach umrahmende Schlucht hinauf erstellte (bereits vor einigen Monaten, als der Lauf noch weit weg war). Gestern habe ich dann einige der erwarteten Problemstellen gecheckt, den Halterbach-Abschnitt aber nicht mehr weiter hinterfragt. Hm. Das Bachbett selbst ist hoch mit herabgefallenen Blättern eingedeckt und wo man auch hinsteigt, man versinkt zuerst in den Blättern und dann knöcheltief im darunter befindlichen Gatsch. Links und rechts davon kann man sich zwar gatschfrei fortbewegen, muss dafür aber auf einer ziemlich steilen Böschung, die quasi durchgehend mit Holz bedeckt ist, balancieren – da war alles dabei, entwurzelte Baumstämme, Gestrüpp aus Ästen und Zweigen und fast überall eine etwa 20 cm hohe, immer wieder durchbrechende Schicht aus Totholz (ich nenn das jetzt einfach mal so). Keine Ahnung, was es damit auf sich hat, also ob das ein Streifen abgestorbener Wald ist oder ob hier alles aus anderen Gründen gefällt wurde. Das war mir in dem Moment auch egal und mir ist nach kurzer Zeit klargewesen, dass das so nicht funktionieren wird. Folglich bin ich die Böschung hochgeklettert und in eine Nebenschlucht ausgewichen, die mich zwar von der Grenze weggeführt hat, aber deutlich besser begehbar war. Der Abschnitt von der Rieglerhütte bis zum Weg oben, den ich nach einer gefühlten Ewigkeit erreichte, ist knapp über einen Kilometer lang, gebraucht habe ich dafür aber nicht weniger als eine halbe Stunde, mehr muss ich dazu wohl nicht schreiben. Im Vorfeld die globale Strava-Heatmap zu studieren wäre kein Fehler gewesen, weil dann hätte ich gewusst, dass der Aufstieg, den ich grad hinter mich gebracht hatte, in der Vergangenheit kaum oder gar nicht begangen wurde – nicht ganz grundlos, wie ich jetzt weiß.

Mein Weg ins Verderben (Teil 1) und der Blick zurück.

Danach ging es eine Weile planmäßig weiter, also an der Abzweigung zur Sophienalpe vorbei, bis nach Scheiblingstein, teilweise im Wald, teilweise entlang der Tullner Straße (wo erhöhte Aufmerksamkeit geboten war, aufgrund der engen Kurven und dem dort recht zügigen Verkehr). Ab hier sollte es nun 5 Kilometer lang bergab gehen, runter nach Steinbach und Untermauerbach. Darauf habe ich mich eigentlich gefreut, weil ich hoffte, es hier ordentlich rollen lassen zu können. Allerdings: Episode 2, das selbe Problem. Wiederum weiß ich ehrlich gesagt nicht, was mich dazu veranlasst hatte, zu glauben, dass ich unmittelbar neben dem Steinbach (also jenem Bach, der in die gleichnamige Ortschaft führt) laufen können würde. Von „schnell laufen“ rede ich da gar nicht. Die ersten 100, vielleicht 200 Meter zum Steinbach hin war es noch ok, da bin ich durch eine Bogensportanlage gelaufen – Bogenschützen waren noch keine da, insofern war das nicht gefährlich. Die Strecke am Steinbach war dann quasi wieder eine unfreiwillige Canyoning-Tour, das Bachbett selbst großteils gatschig und nicht wirklich benutzbar, die Böschungen links und rechts davon ziemlich steil. Mehrmals konnte ich ein Ausrutschen nur knapp vermeiden, bin aber letztlich auf meinen Beinen geblieben. Dieses Schlamassel war nur wenige hundert Meter lang, hat aber ungefähr 20 Minuten gedauert. Auch hier war es so, dass ich davor nur einen Blick auf die Heatmap hätte werfen müssen, dann wäre mir klar gewesen, dass es hier kaum ein Vorankommen gibt. Mein Hoffnungsschimmer war ein Weg, der laut Karte den Steinbach kreuzen sollte und der war auch wirklich da. Der Ausstieg aus dieser Schlucht der Tränen war allerdings nochmals eine Herausforderung, aufgrund des etwa zwei Meter hohen, mit Dornen gespickten Bewuchses. Auf den Beinen und Armen bin ich ein paar Mal hängengeblieben, wodurch mich mehrere Blutbäche zierten, als ich dem Dschungel schließlich entfliehen konnte. Runter nach Untermauerbach ging es dann über eine kleine asphaltierte Straße – mein nächstes Zwischenziel war ein Trinkbrunnen am Eingang zum Augustinerwald.

Weg ins Verderben, Teil 2, Blick voraus und zurück (zur Dornenhecke) und ein interessierter Beobachter.

Nun wartete der laut Streckenprofil letzte wesentliche Anstieg auf mich. Mein Abenteuerdurst war vorübergehend gestillt, weswegen ich zunächst die Hannbaumstraße hochgestapft bin – noch ein letzter Wanderabschnitt dachte ich mir – wie naiv (ich erwähnte ja zuvor DREI blogeintragstitelrelevante Episoden). Als die Straße zu Ende war, folgte ich dem Augustiner-Trail, dem Grenzweg und dem Touristenweg, alles kein Problem. Noch nicht. Am Ende des Touristenweges ging es nämlich wieder rein in den Wald, runter zum Wurzbach. Ja, genau, jetzt folgte Episode 3. Ein drittes Mal verlief meine Route durch mehr oder weniger undurchdringbares, extrem unwegsames Gelände. An dieser Stelle war ich aber bereits ein gebranntes Kind und gab schon nach etwa 15 Minuten auf. Nach einer im Endeffekt etwa 200 bis 300 Meter langen, zuerst Downhill- und dann Uphill-Kletterpartie gelangte ich schließlich zurück auf jenen Weg, der nicht auf, aber in der Nähe der Bezirksgrenze verläuft. Auf der letzten Kletterstelle hat es mich dann tatsächlich hingelegt.

Weg ins Verderben, Teil 3 und der Blick runter auf die letzte Kletterstelle.

Jetzt ging es endgültig zurück in als solches erkennbares Stadtgebiet. Entlang des Wienflusses lief ich nun zur Grenze zu Purkersdorf und dann, an der Grenze zu Hietzing, am Lainzer Tiergarten vorbei, zum Auhof, zum Trinkbrunnen neben der dortigen Schnellbahnstation und schließlich für eine ganze Weile am Wienfluss entlang zum Schloss Schönbrunn, die Schlossallee hoch und zurück zum Startpunkt. Das waren quasi die letzten 1 1/2 Stunden (oder 14 Kilometer) in a nutshell. Viel ist hier auch nicht mehr passiert.

Wienfluss (bei Purkersdorf), Mauer des Lainzer Tiergartens, Auhof und nochmal Wienfluss.

Im Endeffekt war das der längste und weiteste Lauf, den ich jemals gemacht habe. Ever. Insgesamt war ich 6 Stunden und 13 Minuten unterwegs, wovon ich 5:16:41 Stunden gelaufen bin und dabei 42,58 Kilometer zurückgelegt habe (inklusive knapp über 1000 Höhenmetern). Die Distanz wird schon ungefähr passen (wobei der Zickzackkurs in den 3 durch äußerst unwegsames Gelände geprägten Abschnitten möglicherweise für ein paar Meter mehr sprechen würde), aber ob die Stehzeit richtig rausgerechnet wurde, ist fraglich aufgrund meiner teilweise sehr geringen Geschwindigkeit. Deutlich länger als eine Stunde habe ich mich in und neben Bachbetten aufgehalten und meine Routenplanung hinterfragt – wäre ich auf „richtigen“ Wegen und Pfaden geblieben, hätte ich die Runde wohl deutlich schneller beendet. Dafür war ich recht „grenztreu“ unterwegs, hat eben alles ein Für und Wider.

Die exakte Bezirksgrenze (in Rot) und mein GPS-Track (in Blau).

Verpflegungstechnisch bin ich gut durchgekommen – viele Trinkbrunnen gab es nicht an der Strecke, aber ein paar Grad weniger (gegenüber den sommerlichen Bezirksumrundungen) bewirken halt einen riesigen Unterschied hinsichtlich des Flüssigkeitsbedarfs, insofern hat das gereicht. Salztabletten habe ich zum ersten Mal ausprobiert – keine Ahnung, ob sie was gebracht haben, geschadet haben sie jedenfalls nicht. Bis zum „Schlusssprint“ entlang des Wienflusses ist es mir körperlich eigentlich recht gut gegangen, dh nach 36 Kilometer konnte ich noch halbwegs locker mit plus/minus 6er-Pace dahingurken. Das Ziel vor Augen ist mein Verfall aber sukzessive vorangeschritten. Das war vielleicht einerseits psychologisch bedingt – quasi wie wenn man während einer Autofahrt lange aufs Klo muss und erst in den letzten Minuten vor dem Ziel oder der Raststation plötzlich das Gefühl hat, dass man gleich an einer Blasenexplosion verenden wird. Andererseits hat sich auf diesem letzten Abschnitt zunehmend meine Gesäßmuskulatur verabschiedet, was dem stilistisch sauberen Laufen in akzeptablem Tempo eher nicht zuträglich war. Aufgrund meiner Routenwahl waren Trail-Schuhe heute die absolut richtige Wahl, sowohl im Ottakringer Wald als auch die diversen Böschungen rauf und runter wäre ich ansonsten völlig chancenlos gewesen und könnte jetzt wahrscheinlich von einer Vielzahl von Abflügen berichten.

Aufgrund einer am nächsten Sonntag beginnenden Dienstreise und wegen zahlreicher privater Termine in den Tagen bis dahin wird die Liesing-Umrundung frühestens in zwei Wochen stattfinden – bis dahin heißt es erstmal regenerieren, dann im Laufen bleiben und im Fitness-Studio an einem zukünftig hoffentlich knackigeren Po arbeiten, damit ich bei den letzten beiden Runden besser durchhalte.

Es geht dem Ende zu…

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